Warum ein rosa Schweinchen?

Wenn Kinder auf die Welt kommen, die nicht der Norm entsprechen, dann werden sie oft behindert genannt. Manchmal wird nur von Behinderten gesprochen, oft von behinderten Kindern. „Oh je, das Kind ist behindert.“ Die Behinderung wird so zum Teil der Person und der Persönlichkeit. Um diese Identifikation aufzudecken, sage ich: „Mein Kind hat ein rosa Schweinchen!“ Das rosa Schweinchen ist das Synonym für die Behinderung. Das Kind ist kein rosa oder andersfarbiges Schweinchen, sondern es hat es. Das Kind ist nicht behindert, sondern es ist ein Kind! Und es hat eine Behinderung.

In einfacher Sprache:

Manche Kindern können nicht alles so wie andere. Es gibt Menschen, die sagen dann: „Du bist behindert.“ Das ist falsch. Sie müssen sagen: „Du bist ein Kind.“ Und sie können sagen: „Du hast eine Behinderung.“ Das ist so, wie ein Stofftier haben. Zum Beispiel ein rosa Schweinchen. Deshalb sage ich: „Mein Kind hat ein rosa Schweinchen.“

Warum ausgerechnet ein rosa Schweinchen? Ein rosa Schweinchen wirkt erst einmal nicht bedrohlich. Wir kennen das Glücksschwein im Arm der Schornsteinfegerin mit glänzendem Pfennig (so hieß früher der Cent) im Maul. Schweine sind uns Menschen anatomisch sehr ähnlich, sie sind intelligent und unterscheiden sich doch von uns. Wer „du Schwein“ als Schimpfwort benutzt – und zu diesen Zeitgenoss*innen gehöre leider ich auch – tut den Schweinen bitter Unrecht.

Mittlerweile sage ich zu meinem Mann: „Du behinderst mich!“, wenn ich eigentlich sagen will: „DU SCHWEIN!“

Schweinchen sind tolle Tiere. Sie sind schlau. Und manche sagen, sie bringen Glück. ☘ Andere Leute schimpfen: „Du blödes Schwein!“ Und damit wollen sie einen Menschen beleidigen. Das finde ich nicht gut. Leider mache ich es auch. Jetzt habe ich etwas gelernt. Ich sage: „Du behinderst mich.“ Und nicht mehr „blödes Schwein“.

Als ich das Bild eingefügt habe, kam mir noch eine anderer Gedanke, der zwar etwas out of topic ist, aber irgendwie gehört ja alles zusammen. Ich denke daran, wie grausam die meisten Schweine, die heutzutage leben, gehalten werden. Als meine Schwiegereltern noch einen Bauernhof hatten, als ich eine junge Frau war, habe ich immer sehr gerne die Schweine gemistet. Nicht, dass mir der Gestank gefallen hätte, der war schon heftiger als bei Rindern. Ich habe versucht, möglichst wenig zu atmen. Sondern, weil es solch eine Freude war, die jungen Tiere dabei zu beobachten, wie sie mit dem frischen Stroh umgingen. Die entwöhnten Ferkel hatten ca. zu Sechst einen Pferch für sich alleine, der groß genug war, dass sie darin rumrennen konnten und fangen spielen. Wenn ich fertig war, habe ich das gepresste Stroh einfach als halben Ballen zu ihnen reingeworfen. Sie kamen angerannt und haben ihn mit ihren Nasen so gestoßen, dass er zerfiel und dann durch rumrennen, schieben, stoßen, ziehen so lange das Stroh bearbeitet bis jeder Halm genau da lag, wo sie ihn haben wollten.

Oben ist ein Bild mit einem Schwein. Ich bin traurig, weil Schweine oft kein gutes Leben bei uns haben. Vor langer Zeit habe ich einen Schweinestall sauber gemacht. Da haben sich die kleinen Schweinchen sehr gefreut. Sie sind rumgelaufen. Hin und her. Und haben mit ihren kleinen Nasen alles in Ordnung gebracht. Da habe ich mich auch gefreut.

Bildnachweis: Slavomír Kožúšek  •  Age 47  •  Kostelec nad Orlicí/Česko  über Pixabay

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4 Gedanken zu „Warum ein rosa Schweinchen?

  1. Das ist ja eine tolle Idee mit dem rosa Schweinchen! So werden Menschen mit Behinderung nicht synonym mit ihrer Behinderung betrachtet, sondern als Individuen. Auch dass jedes Schweinchen und damit jede Behinderung anders ist, aber auch die Menschen anders sein können, bei ähnlichen Schweinchen. Das ist sehr inspirierend, weiter so!

  2. Schweine sind wirklich sehr passend. Wie vielen Tieren wird ihnen ihre Intelligenz abgesprochen und sie werden durch Massenentscheidungen unmündig gemacht. Bei Kindern mit Behinderung passiert so was ähnliches auch schnell. Ihnen wird jegliche Form sich selbst zu pflegen abgesprochen und somit ihr Potential zu lernen genommen. Auf der andern Seite können Massenentscheidungen von Institutionen wie der Schule sie schnell überfordern; und dabei lassen sie ihre individuellen Schwierigkeiten außer acht. Deshalb ist es immer gut, sich das Kind und die Behinderung, welche das Kind mitbringt, getrennt anzusehen.

    1. Hallo Blue,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Du hast sehr recht und sprichst etwas total Wichtiges an, nämlich die Individualität von Personen mit Behinderung und auch die von unseren tierischen Verwandten, den Schweinen. Institutionen mit ihren Regeln, die für alle gelten, vergessen das Individuum ganz schnell. Und bei Kindern mit Behinderung kommt noch hinzu, dass jede Behinderung anders ist und sich anders entwickelt/verändert. Lehrer*innen z.B. müssen doppelt aufmerksam sein, um dem jeweiligen Kind mit seiner jeweiligen Behinderung zu dem jeweiligen Zeitpunkt gerecht zu werden. Du sprichst mir aus der Seele.
      Liebe Grüße
      Martina

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