Teil 2: Der große Schlaf

Als die kleine Biene Bah schon einige Zeit zwei Zuhause hatte, da merkte sie, dass es ihr doch nicht so gut gefiel. Sie vermisste ihre Familie, wenn sie bei Chris war und sie vermisste ihr Zimmer und die anderen Bienen, wenn sie bei ihren Eltern und den drei großen Brüdern war.

Wenn Papa wegflog, dann musste Bah fast immer weinen. Da war wieder dieses komisches Gefühl in ihrem Bauch; er zog sich zusammen und drückte die Tränen aus ihr heraus und Bah weinte.

Und Chris war ganz lieb zu ihr, nahm sie in die Arme und schaukelte sie und sang ein Lied.

Aber Bah war traurig.

Oder Chris las ihr ein Buch vor und erklärte ihr die Bilder darin,

aber Bah war traurig.

Oder Chris gab ihr ganz leckeren süßen Honig und manchmal auch ein Eis,

aber Bah war traurig.

Dann warf Chris sie in die Luft und neben der Traurigkeit fühlte Bah ein lustiges Kribbeln im Bauch. Und wenn Chris sie auf den Rücken nahm und mit ihr in einem Affenzahn durch die ganze Gruppe sauste, dann lachte Bah und quiekte, denn an jeder Ecke sah es so aus, als ob Chris gegen die Mauer fliegen würde oder Bah von ihrem Rücken runterpurzeln.

Und dann lachte Bah wieder und lachte und lachte und Chris nahm sie in die Arme und drehte sich ganz glücklich mit ihr und lachte auch über das ganze Gesicht.

Eines Tages war Bah wieder bei Mama und Papa und sagte, dass sie keine zwei Zuhause mehr haben möchte. Sie wollte einfach nur bei Papa und Mama bleiben.

Papa und Mama, Aquarell 2015 MB-K im Privatbesitz der Künstlerin

Da wurde Papa ganz ernst, nahm Bah an die Hand und flog mit ihr in einen riesen großen, alten Baum, der in der Nähe ihres Hauses stand.

Dort setzten sie sich zwischen die Blätter, die der Wind bewegte. Das gab ein ganz faszinierendes Lichtspiel mit den Sonnenstrahlen. Immer wieder blitzte es irgendwo anders auf wie ein Diamant, wenn ein Blatt einen Strahl durchließ. Bah schaute ganz verträumt und versuchte, die Blitzdiamanten mit dem Auge zu fangen.

Papa saß neben ihr und sah sie lange an. Endlich bemerkte Bah seinen Blick und wurde auch ernst.

„Du möchtest keine zwei Zuhause mehr haben?“, fragte er. „Nein!“, sagte Bah bestimmt. „Magst du nicht mehr mit Chris lachen oder mit den anderen kleinen Bienen spielen?“, wunderte sich Papa.

„Doch“, entgegnete Bah, „aber immer, wenn ich bei Chris bin, dann vermisse ich dich und Mama und meine drei großen Brüder. Das macht mich sehr traurig.“

„Und wenn du bei uns bist…“, begann Papa einen neuen Satz.

„…dann vermisse ich Chris und mein Zimmer und die anderen Bienen. Und das ist auch traurig.“

„Da hast du recht“, sagte Papa und drückte Bahs Kopf an seine Brust. Er wiegte sie hin und her und der Wind wiegte das Blatt und die Sonne tanzte darüber.

Nach einer Weile sagte Papa: “Das macht mich auch traurig. Es tut mir weh, wenn ich wegfliegen muss und wenn ich weiß, dass du traurig bist.“ Und Bah sah ihn groß an. Das hätte sie nicht gedacht, dass Papa auch traurig wird. „Manchmal ist es auch schön“, sagte sie tapfer, denn sie wollte nicht, dass Papa die ganze Zeit traurig ist, wenn sie bei Chris Spaß hatte.

„Du bist eine gute Biene“, lächelte Papa, „und weißt du was, ganz tief in meinem Herzen bin ich sehr glücklich, dass wir traurig sind.“

Das konnte Bah nicht verstehen. Sie schüttelte wild ihren Kopf, damit die Gedanken darin wieder eine sinnvolle Ordnung annähmen. Aber es klappte nicht. Glücklich, wenn man traurig ist?

„Ja“, sagte Papa, „denn weißt du, was das aller Größte und das aller Wichtigste auf dieser Welt ist?“

Bah dachte an den großen alten Baum, aber der konnte es nicht sein und sie schüttelte wieder den Kopf und sah Papa fragend an.

„Das  aller Wichtigste ist Liebe im Herzen zu tragen“,

sagte Papa voller Überzeugung. Und Bah spürte, dass es stimmte. „Unsere Traurigkeit, wenn wir uns trennen müssen, das ist in Wirklichkeit unsere Liebe. Weil du mich lieb hast, bist du traurig und weil ich dich lieb habe, bin ich traurig“, erklärte Papa und nach einer langen Pause fügte er hinzu: „aber eigentlich bin ich glücklich darüber, weil es dich gibt und ich dich lieb habe.“ Bah kuschelte sich an Papas Seite. Sie konnte es nicht ganz verstehen, aber sie nahm sich vor, bei ihrer Traurigkeit in Zukunft nach ihrer Liebe Ausschau zu halten.

Papa und Bah blieben noch ganz lange in dem Baum sitzen, träumten miteinander und sprachen über dies und das, was ihnen gerade einfiel.

Bah lebte ein paar Tage bei Mama und Papa und den drei großen Brüdern. Als es Zeit wurde, wieder zu Chris und den vielen Bienen zurückzukehren, wollte Bah aber nicht gehen.

Am Morgen des Tages flog sie alleine in den großen Baum und versteckte sich dort.

Bahs größter Bruder war mit Freund*innen verabredet und hatte auch schon früh das Haus verlassen. So dachten alle, er hätte Bah zu Chris gebracht.

Weil die Zeit mit Bah sehr, sehr anstrengend war, waren Mama und Papa und die beiden anderen Brüder sehr müde. Sie dachten an ihre Liebe zu Bah und waren weniger traurig, legten sich in ihre Waben und schliefen ein.

Auch der größte Bruder war sehr müde nach seiner Rückkehr und legte sich gleich schlafen.

Als es langsam dunkel wurde, wollte Bah nicht mehr alleine in dem großen, alten Baum bleiben. Es war langweilig so ganz allein und Hunger bekam sie auch. Also kroch Bah aus ihrem Versteck und flog zurück zum Haus. Sie freute sich auf ein leckeres Abendessen mit der Familie. Aber irgendetwas stimmte da nicht. Es brannte kein Licht und sie hörte keine Stimmen. Sonst hörten ihre Brüder immer Musik, wenn sie das Abendessen zubereiteten oder sie erzählten laut.

Heute war es ganz still.

Bah flog ins Haus und sah, dass sie alle schliefen. Zuerst wollte sie ganz leise sein, denn Mama wird immer sauer, wenn man sie weckt. Aber dann knurrte Bahs Magen immer lauter und wollte endlich essen. Also flog sie in die Vorratswabe, um Nektar zu trinken. Aber die Wabe war schon verschlossen für den Winter. Eine feste dicke Wachsschicht klebte davor und Bah konnte sie nicht öffnen. Und der Hunger wurde immer schlimmer!

Bah musste doch jemanden wecken.  Sie flog zu ihren Brüdern und kitzelte sie am Fuß. Aber die wachten nicht auf. Sie zogen nur den Fuß weg und schliefen weiter. Sie waren einfach zu müde. Da flog Bah zu Mama und hielt ihr die Nase zu, aber Mama knurrte nur im Schlaf, drehte den Kopf weg und schlief einfach weiter. Auch Papa ließ sich gar nicht wecken.

Bah setzte sich auf die Erde und weinte. Sie fühlte sich so allein und hatte Hunger und hatte Angst. Sie weinte soviel, dass ihr Gesicht ganz nass wurde und sie schluchzte ganz laut. Aber auch davon wachte Bahs Familie nicht auf.

Da klopfte es an der Tür, ganz, ganz leise. Bah glaubte zuerst, sie hätte nur geträumt. Sie lauschte…

Tock, tock, tock… Da, es klopfte wieder. Bah sprang froh auf und rannte zur Tür. Und was glaubst Du, wer vor der Tür stand und einen Topf Nektar in der Hand hielt?

Richtig – da stand Chris. Sie hatte in der Nähe Nektar gesammelt und weil Bah heute nicht gekommen war, wollte sie mal nach dem Rechten sehen. Bah war so glücklich, Chris zu sehen, und knallte ihr fast vor den Bauch, als sie sie umarmte, so dass der Nektar aus dem Topf kippte. Chris lachte und nahm Bah in die Arme. „Ist der für mich?“ fragte Bah hungrig und zeigte auf den Nektar. „Ja klar, hast Du Hunger?“ antwortete Chris. Bah nickte nur und steckte schon die ganze Hand in den Topf, um sie gierig abzuschlecken.

Als Bah satt war, zeigte sie Chris ihre schlafende Familie. „Uiiii“, sagte Chris, „die sind aber wirklich müde. Komm wir lassen sie in Ruhe schlafen, dann werden sie wieder fit, und wir fliegen zusammen nach Hause.“

„Nach Hause“, dachte Bah, „wie gut, dass ich zwei Zuhause habe!“ Und sie nahm Chris’ Hand und flog zusammen mit ihr nach Hause.

Und wenn die Traurigkeit und die Sehnsucht wieder kamen, dann dachte Bah an ihre Liebe ganz unten im Herzen.

Und dass sie immer wieder nach Hause kam.

In beide Zuhause!

Martina Brauckmann-Kleis Juli 2015

4 Gedanken zu „Teil 2: Der große Schlaf

    1. Da hast du völlig recht und genau das macht die Geschichte mit den zwei Zuhause schwer, denn die Menschen, die sich mögen und lieben, müssen sich immer wieder trennen. Hab ganz lieben Dank für deinen Beitrag. Vielleicht schreibe ich noch eine Fortsetzung, in der die Biene Bah sich in ihrem neuen Zuhause in eine andere Biene verliebt oder so etwas. Herzliche Grüße Martina

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