Mit Charly reisen

Geht es euch auch so? Charly ist am liebsten Zuhause. Immer alles gleich. Ausflüge sind schön – im Nachhinein. Charly mag eigentlich gerne wandern, vor allem zum Auto zurück. Wenn es in Sicht kommt, ist Charly immer ganz begeistert von der Wanderung. Vorher eher weniger. Da kommen schon mal so Fragen wie: „Wann fahren wir nach Hause?“ Schonmal möchte ich ein bisschen genauer präzisieren: Also z.B., wenn wir gerade von Zuhause losgefahren sind, dann ca. drei Minuten später, dann wenn wir aussteigen, dann wenn wir gerade loslaufen, dann in schöner Regelmäßigkeit alle drei Minuten bis…ja, bis wir das Auto wiedersehen und der wunderbaren Natur den Rücken zuwenden.

Richtig lustig ist es mit Charly auf echten Reisen, wenn am Abend nicht das eigene Zimmer und das vertraute Bett warten.

Das Charly in dieser Geschichte ist mehr als zehn Jahre alt und hat eine geistige Behinderung. Immer wieder bekommt es Anfälle, z.B. wenn ihm alles zu viel wird oder wenn es nicht aufhören kann sich zu freuen. So haben wir uns angewöhnt, ihm nicht mehr zu sagen, wann wir genau verreisen. Sonst verhindert der nächste Anfall mit der Treffsicherheit eines Wilhelm Tells die nächste Reise und Charly darf glücklich Zuhause bleiben. HIHI

Wir „entführen“ Charly quasi. Das Auto wird heimlich gepackt, die Koffer auch gerne, wenn Charly schläft. Es weiß, dass wir z.B. auf einen Bauernhof fahren werden, aber das dauert noch. Im Auto erzählen wir Charly dann, dass es heute sein wird. Manchmal will Charly dann unbedingt umkehren. Dann müssen wir uns „verfahren“ und aus Versehen auf dem Bauernhof landen, wo wir aus Erschöpfung erstmal eine Nacht schlafen…und noch eine….und noch eine.

Irgendwie durchschaut Charly unsere Strategie und spielt freundlich mit. Bei der Abfahrt habe ich gesagt: „Hoffentlich verfahren wir uns jetzt bei der Rückfahrt nicht wieder.“ Daraufhin hat Charly spitzbübisch geantwortet: „Wenn wir uns verfahren, dann landen wir wieder auf dem Bauernhof und bleiben eine ganze Woche.“

Manchmal sind wir leider auch nicht so schlau oder geben unserem Bedürfnis nach Normalität leichtfertig nach.

Dann fahren wir wieder auf den Bauernhof und weil es vorher so gut geklappt hat, erzählen wir Charly, dass wir hinfahren. Und dass es Morgen sein wird. Und dass Charly fünf Tage bleiben wird. Und dass wir so müde sind und Ruhe brauchen. Und dass Charly mehr Rücksicht nehmen soll. Schließlich ist es toll, dass wir es mit auf den Bauernhof genommen haben.

Und dann….

Und dann bekommt Charly einen Anfall.

Notstand im Urlaub.

Überforderung in der Erschöpfung.

Und alles geht schief.

Ja, manchmal sind wir richtig dumm.

Oder naiv.

Oder vergesslich.

Oder blauäugig.

Oder …

Was denkt Ihr?

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